Wenn Elektronengehirne Anlagetipps gebenaus: "Handelsblatt" vom 27. November 2001
Computer-Prognosen sind nur so gut wie die Daten, mit denen der Rechner gefüttert wird
Künstliche Intelligenz kann bei der Suche nach aussichtsreichen Aktien helfen. Einige Profis bei Fonds und Banken bedienen sich bereits dieser Methode, eine Internetseite eröffnet diese Möglichkeiten auf für Privatanleger. Experten aber warnen, die Märkte seien auf Dauer kaum zu schlagen.
Petra Hoffknecht, Holger Nacken
DÜSSELDORF/FRANKFURT/M.
Bits und Bytes statt Gier und Panik. Es ist zurzeit in Mode, bei Anlageentscheidungen den Kollegen Computer zu Rate zu ziehen - der handelt schließlich streng rational, ohne schädliche Emotionen.
Rund 12.000 Nutzer der Börsenseite Moneybee.de versuchen etwa, den Wunsch nach treffsicheren Computer-Prognosen gemeinsam zu realisieren. Das System funktioniert so: Um bei den Geldbienen mitzumachen, spendet der Anleger Rechnerzeit. Dazu installiert er einen speziellen Bildschirmschoner auf dem Rechner. Immer wenn der Besitzer seinen Computer eingeschaltet hat, ihn aber nicht benutzt, rechnet das System Aufgabenpäckchen, die es zuvor aus dem Internet erhalten hat. Sind die Hausaufgaben abgearbeitet, schickt das Programm die Lösungen zum Heimatrechner und holt sich dort neue Arbeit. Im Fachjargon heißt dieses System "Distributed Computing" - viele einzelne PCs verknüpfen ihre Rechenkraft zu einem leistungsfähigen Gesamtpaket. "Mittlerweile entspricht unsere Rechenleistung ungefähr der Kapazität eines Unirechners", sagt Till Mansmann, von der Betreiberfirma i42. Durch die vereinte Rechenpower versucht das System, Kurstendenzen für derzeit rund 81 Einzelwerte zu berechnen.
Dabei setzt es auf künstliche Intelligenz. Diese Technologie versucht, menschliche Denkprozesse nachzuempfinden. So wie das Gehirn permanent bestimmt, welche Informationen wichtig und welche unwichtig sind, die Informationen gewichtet und anschließend Entscheidungen trifft, versucht auch der Computer, aus einer Datenflut die relevanten Informationen herauszufiltern, Muster zu erkennen und daraus eine Handlungsweise abzuleiten. Dabei ersucht das System, aus Fehlern zu lernen und seine Leistung ständig zu verbessern.
"Bei gut zu prognostizierenden Werten wie etwas Daimler-Chrysler sind unsere Prognosen beispielsweise zu 60 % richtig", erklärt MoneyBee-Initiator Till Mansmann. Ein auf der Basis der Berechnungen zusammengestelltes Dax-Musterdepot habe seit dem Start Ende Oktober dieses Jahres um rund 20 5 zugelegt. Zum Vergleich: Der Dax selber schaffte in dieser Zeit ein Plus von 13 %:
Auch bei Banken gewinnt die künstliche Intelligenz immer mehr Anhänger. So mach sich etwa die französische Société Générale bei ihrem Biolyst-Indexzertifikat (WKN 648280) diese Technik zunutze. Eine Siemens-Software sucht mihilfe neuronaler Netze alle drei Monate die 15 US-Biotechwerte heraus, die im Verhältnis zum Gesamtmarkt am stärksten unterbewertet sind und hohes Kurspotenzial aufweisen. Dieses Produkt lassen sich die Banker gut bezahlen. Die jährliche Verwaltungsgebühr beträgt 1,5 %. Auch die Geld-Brief-Spanne von 1,4 % bis maximal 4 % ist für Zertifikate relativ hoch. Zwar ist das Zertifikat zusammen mit seinem Vergleichsindex, dem Amex Biotech, nach den Terroranschlägen am 11. September in die Tiefe gerauscht. In der dann folgenden Kurserholung legte es aber stärker zu als der Biotech-Index. Seit seiner Auflage im Mai dieses Jahres hat der Aktienkorb einen Vergleichsindex um 5,5 % übertroffen.
Auch einige Fonds bedienen sich ausgeklügelter Computer-Modelle, um sich bei der Suche nach Aktien unterstützen zu lassen (vgl. Handelsblatt v. 6.11.2001). Ob künstliche Intelligenz an den Finanzmärkten jedoch sinnvoll ist, wird von manchen Experten angezweifelt. Schließlich sind die Ergebnisse aus dem Rechner immer nur so gut, wie die Daten, mit denen der Computer gefüttert wurde. "Wir haben viele Systeme ausprobiert und sind mittlerweile wieder davon abgekommen", sagt Professor Heinz Rehkugler vom Lehrstuhl für Finanzwirtschaft und Banken der Universität Freiburg. "Auf Dauer sind die Märkte kaum zu schlagen." Der Rechner interpretiere die unterschiedlichen Signale des Marktes eine Zeit lang richtig. Dann aber würden die Marktteilnehmer auf völlig andere Komponenten achten und die Prognosen stimmten nicht mehr.
Ob man einem Elektronengehirn mehr vertraut als der humanen Variante, ist letztlich eine Glaubensfrage. Als zusätzliche Information für eine Anlageentscheidung können die Compute4ergebnisse aber immer herangezogen werden. Die Nutzer von MoneyBee müssen allerdings auch Vertrauen in die Betreiber der Seite mitbringen. "Immerhin installieren sie auf ihrem Rechner ein unbekanntes Programm, das theoretisch alles mögliche veranstalten kann", sagt Guido Sanchidrian, Sicherheitsexperte der US-Softwareunternehmens Symantec. Er betont jedoch, dass es sich bei diesen Überlegungen um ganz allgemeine Sicherheitsbedenken handele, die alle Anwendungen betreffen, die Daten über das Internet austauschen.
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